Samstag, 9. Februar 2008

Analphabetin auf Tour


(Die "russische Kirche")

Mit ausreichend Schlaf und gutem Frühstück im Magen sieht alles schon viel besser aus, so auch Sofia. Mit der Straßenkarte vom Hostel habe ich mich in aller Ruhe auf den Weg durch die älteren Stadtteile gemacht, vorbei an Kirchen mit goldenen Dächern, weitläufigen Plätzen, Einkaufstraßen mit vielen kleinen gemütlichen Läden und unzähligen Statuen.



(Diese Kirche wurde in Gedenken an die gefallenen Soldaten im Krieg gegen die Osmanen gebaut. Ich fuehlte mich fast ein bisschen schuldig - deutscher Reflex?)


(In Sofia gab es einst eine Festung. Die Grundmauern sind in den Unterfuehrungen integriert wie diese)

Sofia verkörpert noch einmal eine ganz andere Kultur als Istanbul oder Köln (ja, hinkender Vergleich, ich weiß). Hier haben die Orthodoxen Christen das Sagen, in den Kirchen leuchten goldene Wandbildern und Marmor-Altäre. Die Luft riecht, als würde ununterbrochen Weihrauch abgebrannt. Die Bilder in den Kuppeln sind völlig schwarz, und viele Wandmalereien kaum zu erkennen unter der dicken Russschicht. Zwar sind sie ähnlich aufgebaut wie die Moscheen, aber vermitteln ein völlig anderes Gefühl – viel schwerer und ernster.



(In der Krypta einer Kirche war eine Ausstellung ueber Ikonen. Dies ist ein antiker Beichtstuhl. Die scheinen noch lieber zu beichten als die Katholiken!)

Auch das Essen ist dem türkischen zwar ähnlich, aber noch fettiger. Das Teilchen aus der Bäckerei, das ich mir zum Mittag geholt hatte, liegt mir immer noch schwer im Magen. Es war ähnlich wie ein Berliner, aber triefte von Fett. Genau wie das Baklava, dass ich mir vorher in einem Anfall von Wehmut gekauft hatte. Das triefte von Honig – noch schlimmer als in Istanbul. Ich spreche mal nicht von der Pizza.

Aufgewärmt habe ich mich in verschiedenen Malls, von denen es hier mindestens vier gibt. Dort wird in Endlosschleife 90er Jahre Euro-Pop gespielt, 2unlimited und so ein Kram. Vielleicht war das Absicht, damit die Leute nicht zu lange bleiben. Nach spätestens einer Viertelstunde war ich von der Musik jedes Mal so angenervt, dass ich die Läden wieder verlassen habe. Wenn ich allerdings anschaue, was die bulgarischen Musiksender so spielen, kann es auch sein, dass die Musik hier wirklich gemocht wird.


(Denkmal fuer - oder gegen? - die Zeit des Kommunismus)

Am Ende konnte ich dann noch ein bisschen kommunistische Kultur erleben: Das Äquivalent zum Palast der Republik hieß hier Nationaler Kultur-Palast. Die breite Prachtstraße dorthin haben BMX-Fahrer und Skater für sich erobert. Rundherum war richtig was los, obwohl es noch immer unheimlich kalt ist. Eine Eislauffläche war aufgebaut und kleine Imbiss-Stände.



Der Palast selbst war abgesperrt – dachte ich zumindest. Dann habe ich einen Seiteneingang gefunden, der sich öffnen ließ. Ehrlich gesagt, hatte ich ein wenig Angst als nächstes von der bulgarischen Polizei eingesammelt zu werden. In dem Gebäude wurde gerade eine Messe oder so was vorbereitet, auf jeden Fall bauten Menschen dort Gewerbe-Stände zwischen die Bronze-Wandskulpturen. Von den Lampenvorhängen war keiner an und ich habe mich über Treppen nach oben geschlichen, die nur vom Tageslicht erhellt wurden. Nirgendwo jemand zu sehen. Auf der fünften Etage habe ich dann eine Tür nach draußen auf die Dachterasse gefunden – und ein Café, in dem ich tatsächlich gefragt wurde, ob ich was trinken wolle. Das mit der Werbung sollte der Laden wirklich noch einmal überdenken!

(Der Aublick von da oben)

Jetzt sitze ich wieder in meinem warmen Hostel. Es ist richtig nett, ich sitze hier jetzt seit zwei Stunden herum und habe schon so viel über bulgarische Musik gelernt, wie in sechs Monaten über türkische – von dem Angestellten hier, der zwar das Zeug auf dem Fernseher auch nicht mag, aber gerne erklärt. Nebenbei kann man umsonst ins Internet, im Preis von etwas mehr als 10 Euro ist außerdem das Frühstück und Nudeln als Abendessen, ein Bier und eine ausführliche Straßenkarte zum Sofia-Erkunden enthalten. Würde Julia nicht morgen in Belgrad auf mich warten, ich würde noch eine Nacht bleiben!




(Der Mensch rechts arbeitet hier, der andere wird morgen nach Istanbul abfahren. Im Moment zeigen sie sich gegenseitig Fussball-Tricks. Nett hier!)





Übrigens: Gestern abend waren wir zu dritt in einer sehr gemütlichen Jazz-Kneipe, die uns ein Kumpel in Istanbul empfohlen hat. Ute (eine der beiden aus dem Zug) kannte sie nicht, also haben wir mal den Versuch gewagt. Es spielte eine Ragtime Band und der Klarinettist war richtig (!) gut. Eine kleine Lady – man kann sie nicht anders beschreiben, sie war so um die 50 – fand die Musik so gut, dass sie eine Tanzeinlage hinlegte. Und dann noch eine. Und dann fing sie an zu singen, und zwar richtig gut. Als wir dann noch einen Berliner kennen lernten, der am Tag vorher eine Bulgarin geheiratet hatte, hatte ich mich endgültig mit der Stadt versöhnt. Der Martini für 1,50 Euro hat vielleicht auch geholfen 

Danke Jan! Falls Du das hier liest...

Freitag, 8. Februar 2008

Sofia



Eine lange Nacht liegt hinter mir: Seit gestern abend um 10 bin ich wieder auf Achse. Um die Zeit verliess mein Zug Istanbul Richtung Bulgarien. Ich hatte mir einen Schlafwagenplatz reserviert, fuer knapp 30 Euro. Weil der Zug nicht ausgelastet war, hatte ich sogar ein eigenes Abteil. Schoen war ausserdem zwei deutsche Maedels kennen zu lernen, von denen eine seit einem halben Jahr in Sofia arbeitet. So hatte ich Ratgeber in Sachen Grenze, Paesse und natuerlich Hostels in der Stadt.

Um 3 sollten wir an der Grenze sein, ich war also schon knapp eine Stunde wach, als wir um kurz vor vier dann in Kulekapi ankamen. Dort mussten wir aussteigen und einem Mann dabei zusehen, wie er allein alle Paesse von zwei Zuegen bearbeitete. Trotzdem ging es relativ schnell.


Nicht so schnell waren die bulgarischen Behoerden. Erst ging einer durch die Abteile, um die Paesse durchzusehen, ob wir alle einen Stempel abgeholt haben. Dann fuhr der Zug weiter, um 500 Meter weiter zu stoppen. Dann kamen wieder Kontrolleure. Dann kamen die Zollbeamten. Dann kamen andere Kontrolleure, und dann noch einmal die Zollbeamten. Gegen sechs war das ganze Theater vorbei, aber weil der Zug anschliessend selbstmoerderisch schnell ueber die Gleise ruckelte, war die Nacht doch recht kurz...

Seit 13 Uhr bin ich nun in Bulgarien und versuche, die positiven Seiten zu sehen. Meine etwa 40 Kilo Gepaeck machen das ziemlich schwer - selbst schuld. Es ist furchtbar kalt und die Menschen sehen so aus, als waere das schon seit Wochen so. Muncin, eine Suedkoreanerin aus dem "Hostel Mostel" und ich haben schon den ersten Markt gefunden und uns mit entsetzlich fettigen Wuerstchen aufgewaermt.

Ohne ein Wort Bulgarisch zu sprechen haben wir uns an den Strassenschildern entlang gehangelt - irgendwie hatte ich nicht darueber nachgedacht, dass man in diesem Land das kyrillische Alphabet benutzt. Es hat was von griechisch, wie meine suedkoreanische Begleiterin meinte. Mich erinnert es fast ein bisschen an Japan. Aber das habe ich ihr nicht erzaehlt.




Auch in Bulgarien gibt es diese wahnsinnigen Strassen, aber sie fuehren nicht immer auf monstroese Gebaeude zu, sondern manchmal auch auf alte Kirchen wie diese.



Es gibt hier heisse Quellen in der Mitte der Stadt. Es war wirklich angenehm, seine Hand darunter zu halten. DIe Menschen haben in Scharen das Wasser in Plastikflaschen abgefuellt. Ich muss mal gucken, ob das irgendwelche Heilungswirkungen haben soll.



Sofia!

Montag, 4. Februar 2008

Ein Monat im Zeitraffer: Klausuren


Um mein Semester als Erasmus-Semester anrechnen zu lassen, musste ich meine Kurse bestehen. Dazu warteten am Ende des Semesters drei Klasuren und zwei Final Paper auf mich. Nun könnt Ihr mich zur Rolle des Europäischen Parlamentes in den verschiedenen Erweiterungs-Runden befragen. Oder über die öffentliche Meinung in Bezug auf den Türkei-Beitritt. Ich weiß einiges über die wirtschaftlichen Entwicklungen in der 3. Welt und den Einfluss Europas auf diese. Die seltsamste war wohl die letzte Klausur in History of Economic Thought, am Samstag, dem 13..
Ab 15 Uhr nachmittags hatten wir drei Stunden Zeit, um eine Frage zu beantworten: "Gab es im theoretischen wirtschaftlichen Denken so etwas wie Fortschritte? Bitte erläutern Sie Ihre These anhand von Beispielen." Dazu konnten wir uns auf fünf Seiten ohne Linien austoben, und durften dabei alle Hefte und Bücher benutzen. Geschrieben werden hier alle Klausuren mit dem Bleistift, weil man den wegradieren kann und man immer nur begrenzten Platz zum Schreiben hat. Als Unterlage hatten wir diese winzigkleinen Tischchen, die man bei wichtigen Veranstaltungen von seinem Stuhl hochklappen kann – alle zwei Minuten fiel einem der etwa 100 Studenten ein dicker Wälzer herunter. Wenigstens waren die Stühle gepolstert.
Im Endeffekt hat alles recht gut geklappt, nur in einem Fach ist meine Note schlechter als "gut" - in besagter Wirtschaftsdenkergeschichte.

Ein Monat im Zeitraffer: Gäste

Elena musste am 3.1. wieder gen Heimat aufbrechen, die anderen drei folgten zwei Tage später. Zusammen haben sie einen Haufen Sehenswürdigkeiten angeschaut und immer gut gegessen. Zum Beispiel in Ortaköy, wo es den besten Kumpir geben soll. Ich liebe diese Riesen-Kartoffeln. Sie werden mit Käse, Butter und Salz vermischt und durch alle möglichen Salatsorten ergänzt. Oder am Goldenen Horn, wo man für drei YTL Fisch und Brot bekommt.

(und wie man sieht: es war kalt)

Ein Monat im Zeitraffer

Erinnert Ihr Euch noch an mich? Es gab mal Zeiten, in denen ich fast täglich schrieb, lang lang ist's her. Nun habe ich noch einmal drei Tage Zeit, bevor ich mich auf den Heimweg mache und versuche zu erzählen, was ich so getrieben habe.

Starten wir mit Silvester und der Wohnungsgeschichte.

Für Silvester hatte ich Besuch von vier Freunden. Elena kam am 27.12., André, Julia und Toby am 30.12.. Feiern wollten wir auf der Dachterasse meiner alten Wohnung - wozu hat man die denn?
Alles war schon organisiert, als der Hausbesitzer am Silvesternachmittag vorbei kam, um die Wohnung abzunehmen. Angeblich - ich verlasse mich mal der Einfachheit halber auf die unglaubwürdigen Angaben meines Ex-Mitbewohners - ist er völlig ausgetickt und wollte uns direkt aus der Wohnung schmeißen. Nicht so schlimm für Silke und mich, die wir ja schon ausgezogen waren, aber für Omay, der eigentlich noch ein paar Tage bleiben wollte. Und für meine Gäste, die in dem Zimmer noch ein paar Tage übernachten sollten / wollten. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich noch immer sauer.

Die Party wurde also um zwei Stockwerke nach unten verlegt und stark verkleinert. Am Ende waren wir noch zu zehnt. Carlotta organisierte eine WG-Party in Cihangir, wo wir mit den Worten "Ihr kommt zu spät, die Transvestiten sind gerade weg" begrüsst wurden. Auf einer Mischung zwischen Erasmus-Party und Schwulen-WG haben wir in das neue Jahr gefeiert. Sogar eine Dachterasse hatte die Wohnung, so dass wir noch das offizielle Feuerwerk anschauen konnten. Schön war's!



(Can und Caglar waren unsere türkischen Silvesterbegleiter)



(Posen auf der Dachterasse)




(wir haben uns wohl gefühlt)

Sonntag, 20. Januar 2008

So siehts aus!



Langsam glaube ich, dass ich gar nicht mehr alle Berichte nachholen kann - so viel ist passiert seit Silvester! Julia, Toby und Andre waren in Istanbul, ich habe meine Final Paper abgegeben, war in Bursa (grossartig!), Eskisehir (langweilig) und Ankara (nie wieder!). Seit Freitag bin ich nun mit BUHAK, dem Paragliding Club in Denizli. Ich bin genau zehn Mal geflogen. Neun Fluege vom kleinen Huegel und heute das erste Mal vom ^Buyuktepe^, dem grossen Huegel. Gross heisst 300 Meter in etwa. Etwas mulmig war mir schon, aber der Ausblick auf Pamukkale und die Ruinen einer alten griechischen Siedlung waren unvergesslich. Morgen habe ich hoffentlich noch einmal die Chance, dort abzuspringen...


Ja, das auf dem Bild bin ich, und nein, das ist nicht nachbearbeitet. Unten seht Ihr die Ruinen und links sitzt Yusuf, der alles genauestens dokumentiert hat. Mal sehen, ob ich den Film jemals zu Gesicht bekomme.

Dienstag, 15. Januar 2008

unterwegs

Die letzte Klausur ist geschrieben und ich bin nun in Bursa, der Stadt hinter dem Marmara Meer. Danach gehts weiter nach Eskişehir und Ankara, wo Niamh und ich Atatürks Pyjamas anschauen werden. Fotos sind schon so gut wie online!
Danach werde ich nach Denizli und Adana fahren, um dann am 26.1. wieder in Istanbul aufzuschlagen und zu berichten. Bis dahin entschuldigt bitte, dass Mails und Kommentare selten sein werden.
Görüşürüz!