Donnerstag, 20. Dezember 2007

Iyi Bayramlar!


Für alle, die einen Grund suchten, Vegetarier zu werden

Ich gestehe: Ich habe schon wieder nicht gearbeitet, meine Abschluss-Paper warten weiterhin auf ihren Inhalt. Weil hier gerade Feiertag ist, wollten wir ein wenig spazieren gehen und sehen, was wir von Kurban Bayram mitbekommen. Das ist das islamische Opferfest, bei dem Tiere (Kühe und Schafe) geschächtet werden und das Fleisch mindestens zu einem Drittel an die Armen verteilt wird.
Seit Tagen sieht man Plakate in der Stadt (munkelt man, ich habe heute das erste dieser Art gesehen), auf denen verschiedene Organisationen anbieten, ein Tier gegen Geld zu töten. Denn Schlachten scheint auch in diesem Land nicht jedermanns Sache zu sein.




Als wir unsere Türkisch-Lehrerin gefragt haben, wo denn diese Tiere geschlachtet werden, und ob man einfach zuschauen könne, hat sie uns erst nicht verstanden und dann völlig entsetzt angeschaut. Sie habe das einmal gesehen, als sie klein war, sagte sie. Danach war sie ein paar Jahre Vegetarierin.
Uns hat das nicht abgeschreckt. Frohen Mutes sind Annegret, Carlotta und ich gen Eyüp gestiefelt, denn dort leben angeblich die gläubigsten Muslime. Zumindest die konservativsten.
Schon auf dem Weg dorthin trafen wir auf Hunde, die etwas nicht identifizierbares aus einer Mülltonne gefischt hatten. Annegret sagt, es sei eine Kuhleber gewesen.


(ich weiß, warum ich Hunde nicht mag!)

Dann wollte ich den beiden eine Moschee zeigen, die auf dem Weg lag, eine der ältesten Istanbuls. Doch als wir in den Innenhof schauten, fanden wir dort neben einem Haufen schmutziger Schafsfelle einen Haufen Innereien. Uns entgegen kam ein Typ mit einer weiteren Schubkarre Gedärm. Carlotta entschied sich spontan gegen einen Besuch der Moschee und wollte lieber weitergehen. Annegret und ich waren aber doch neugierig genug, um durch den Hintereingang in den Innenhof zu schauen. Dort sahen wir folgendes:



Die Männer hinter uns - alle etwas bleich um die Nasenspitze und Kette rauchend - meinten, wir könnten auch gern hinein gehen. Wir haben das Angebot angenommen.


(An dem Häuschen in der Mitte waschen sich die Männer normalerweise die Füße, bevor sie beten gehen)

Zwei Männer führten eine der vier im Hof angebunden Rinder hinter das Häuschen. Wir waren noch immer neugierig genug, zuzusehen, wie sie gemeinsam mit drei weiteren Männern die Kuh fixierten. Dann spritzte Blut in hohem Bogen und das Tier stolperte über seine Artgenossen. Einige von denen zuckten übrigens noch.



Annegret und ich waren uns nicht ganz sicher, ob wir uns noch weiter vorwagen wollten - wir entschieden uns dagegen. Während sie den Hof verließ, wurde ich von vier Männern gerufen, ich solle doch ein Foto von ihnen machen:


Warum das Ganze?
Das Opferfest erinnert an die verhinderte Opferung von Isaak durch seinen Vater Abraham. Vielleicht kennt der eine oder andere die Geschichte aus der Bibel: Gott stellte Abrahams Glauben auf die Probe und befahl ihm, seinen Sohn zu opfern. Abraham bereitete alles vor, doch als er nach seinem Messer griff, hatte Gott Erbarmen und befahl ihm statt seinem Sohn einen Schafbock zu töten und zu verbrennen. Isaak (oder auch Ismael) wiederum gilt als Vater der arabischen Völker.

Für die Türken heißt das, dass eigentlich jede Familie ein Tier opfern sollte. Das Fleisch wird dann unter anderem an die Armen verteilt. Angeblich entwickelte sich aber in den vergangenen Jahren der Trend, stattdessen an gemeinnützige Organisationen zu spenden.

Außerdem bedeutet das Fest, dass die Uni für vier Tage ausfällt und wir frei haben. Unsere türkischen Freunde - und zwar alle, ausnahmslos - hocken nun bei ihren Familien und schlagen sich den Bauch voll. Die Austausch-Studenten philosophieren über Europäisch-Türkische Beziehungen und ärgern sich über geschlossene Bibliotheken. Das Ganze geht bis zum 23.12., dann geht die Uni wieder los. Am 25.12. schreiben einige sogar Klausur. So viel zum Thema Frohe Weihnachten!


Zum Entspannen


Weitere Impressionen von unserem Spaziergang


(Das sind nicht die höchsten Bürgersteige Istanbuls!)



(Telefonzellen mit Beinen)





(Oh, das bedarf vielleicht einer Erklärung: Muslimische Jungs werden beschnitten, wenn sie um die sieben Jahre alt sind. Dann bekommen sie viele Geschenke und werden einen Tag lang richtig verwöhnt. Das Ganze könnte man mit der Kommunion in der katholischen Kirche vergleichen. Einige Eltern lassen dann Bilder von ihrem Sohn machen, mit dem traditionellen Kostüm. Das kann dann so aussehen. Oder auch noch viel kitschiger. Hochzeitsbilder sind nochmal viel schlimmer!)



(Dieser türkische Supermarkt war besser als jeder Import-Export-Schuppen in Deutschland. Und die haben das Zeug nicht fürs Schrottwichteln verkauft!)



(Meine beiden Bayram-Begleiterinnen)



(auf türkischen Plätzen finden sich manchmal Sportgeräte. Annegret sagt, die seien für die türkischen Frauen, weil die zu wenig Sport treiben würden. Ich glaube ihr.)






(Das ist die Nevizade. 364 Tage im Jahr ist sie proppenvoll, besonders am Wochenende. Heute sind alle bei ihren Familien. Zum Vergleich ein Bild von vor zwei Wochen)



In diesem Sinne: FROHE FESTTAGE!

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Fernsehen


Heute haben wir den Blumentopf-Ständer aus Serdars Zimmer zurück in einen Fernseher verwandelt. Nun können wir sieben Programme empfangen und endlich türkische Seifenopern verfolgen. Zum Beispiel: "Büyük Bulusma" - Großes Begegnen. Und ich kann den ganzen Tag diesem Huhn dabei zuschauen, wie es bunte Eier legt.
Heute Abend gab es auch gleich großes Kino: Terminatör iki und Truva. Wer hätte gedacht, dass Brad Pitt so gut Türkisch spricht?

Montag, 17. Dezember 2007

Another Christmas Day

Niamh and me went to IKEA today - in order to get the full christmas shock. Instead we found nice things to play with - and totally empty cashpoints. Just imagine! One week left till christmas!















At least there was enough Christmas stuff to decorate our plastic tree. All we need now is to work out a shared custody agreement over it...

Sonntag, 16. Dezember 2007

Adventskaffee

Neue Wohnung, neues Glück:
Am Donnerstag bin ich nach Talabase gezogen. Nennen wir es mal das St. Georg Istanbuls: Extrem zentral, hat aber nicht den besten Ruf. Nachdem ich mit drei blonden Frauen gesprochen hatte, denen hier nie was passiert ist, habe ich beschlossen, dass ich mich auch in diese Viertel wagen kann. Zudem wohnen wir direkt an der Hauptstraße. Und ich habe eine neue tolle Mitbewohnerin: Carlotta.



Heute haben wir meinen Umzug direkt mit einem wöchentlich stattfinden Adventskränzchen verbunden. Ein paar der deutschen Erasmuslerinnen treffen sich seit drei Wochen, um wenigstens ein bißchen was von Weihnachten zu haben. In der Stadt bekommt man ja nicht allzuviel davon mit.

Etwa vier Stunden haben wir dafür gebraucht, die Wohnung zu dekorieren, Yogi-Tee zu kochen, Mehlbolzen zu backen, Bratäpfel zu präparieren und Kerzen anzuzünden. Dann kamen 16 Leute: Fünf Türkinnen, eine Irin, eine Schwedin, zwei Amis, eine Schweizerin, der Rest Deutsche. Es war richtig nett, vor allem, als Ayse ihren Kürbiskuchen zu Annegrets Stollen stellte, zu den Mandarinen vom Markt nebenan und dem irischen Christmas-Cake. Wir haben uns so richtig durchgefuttert und dabei einen neuen türkischen Ausdruck gelernt: "Seker koma girmek" = ins Zuckerkoma fallen.



Irgendwann haben sich dann Senem und Niamh kennengelernt, was zu einer Tanzaufführung der besonderen Art führte: Senem brachte Niamh Tscherkessische Tanzschritte bei und Niamh revangierte sich mit Irish-Dancing, was sie etwas zehn Jahre lang gelernt hat. Annegret, Jana und Ayse haben versucht, wenigstens eins von beiden zu verstehen, ich habe mich rausgehalten und dokumentiert:



Annegret hat am längsten durchgehalten. Sie hat sogar den Versuch unternommen, die "ich laufe auf meinen Zehennägeln"-Schritte nachzumachen. Hat auch fast geklappt. Anschließend haben wir versucht, Özgür und Senem davon zu überzeugen, dass es auch in Deutschland richtig anstrengende Tänze gibt und haben bei Youtube ein paar Schuhplattler-Szenen gefunden. Die beiden waren sehr begeistert. "Aber warum tragen die Männer alle so unglaublich kurze Hosen?!" - Gute Frage!



Dann war der Nachmittag auch schon wieder vorbei. Das war der dreckige Rest, in unserem schönen, für mich neuen, Wohnzimmer.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Weihnachtsmarkt - neben der Moschee rechts

Fragt man einen Istanbuler, wann Weihnachten ist, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: "am 31.12. natürlich". In der Deutschen Schule versuchen ein paar Menschen jedes Jahr, solche Missverständnisse zurecht zu rücken und organisieren einen Weihnachtsmarkt. Wir waren da.



Am Eingang jedes großen Einkaufscenters in Istanbul untersuchen Sicherheitsleute mit Metalldetektoren nach Waffen. Scheinbar kann sich kein Mensch mehr vorstellen, dass ein Einkaufserlebnis ohne diese Prozedur möglich ist. Jedenfalls gab es auch hier eine Kontrolle am Hofeingang.



Die digitale Uhr auf dem Schulflur zeigte konsequent eine Temperatur von 20 Grad an. Auch wenn der eine oder andere von Euch zu glauben scheint, dass dies der Wahrheit entspricht: Momentan sind es um die 12 Grad hier. Die Uhr war kaputt. Leider.



Der Anblick von Glühwein und Stollen hat einigen von uns die Tränen in die Augen getrieben. Auf einmal wussten wir, was uns fehlte...






Um Geld für verschiedene soziale Projekte zu sammeln, verkaufte die Schule Heimatgefühl im Glas: Wiener Würstchen kosteten sechs YTL, also etwa vier Euro. Ein Stollen sollte sogar 15 YTL kosten.





Da waren Weihnachtsgestecke und bestickte Adressbücher regelrecht günstig. Dieses Exemplar sollte sieben YTL kosten. Das Lächeln gab's umsonst.




Die todesmutigen Pioniere des Weihnachtsmarktes freuten sich über eine Landkarte ihrer Heimat unter Atatürks väterlichem Blick. Mir wurde auf einmal klar, dass ich wirklich die einzige Norddeutsche in dieser Stadt zu sein scheine...

Montag, 10. Dezember 2007

...season's greetings...

Gerade sitze ich im "World House Hostel" um die Ecke, wo eine Bekannte arbeitet, um mit dem Laptop meiner Mitbewohnerin das W-Lan auszunutzen - ja, ich gebe zu, ich nutze andere Menschen aus.





Hier läuft ein Fernseher, auf dem zu mindestens 70 % der Zeit Werbung läuft. Zum Beispiel für "Fakir Hausgeräte" - ja auf Deutsch. Fakir heißt übrigens "arm", da hat ein PR-Mensch wirklich geschlafen.
Zwischendurch kommt Turkcell-Werbung, die mich verwirrt. Weihnachten ist in Istanbul unbekannt, damit habe ich mich ja schon abgefunden. Aber warum macht Turkcell ausgerechnet um diese Jahreszeit Werbung mit einem Huhn, das bunte Eier legt?

Dienstag, 4. Dezember 2007

Löcher

Wie häufig habe ich mich schon gefragt, warum ich noch nie jemanden in eines dieser Löcher auf der Straße habe fallen sehen. Gestern etwa bin ich meinen täglichen Schulweg gefahren, auf dem ich an der Endhaltestelle in Kabatas von der Tramvay in den Bus umsteigen muss. Den Weg kenne ich mittlerweile im Schlaf, ich trotte einer breiten Masse von Pendlern hinterher. Gestern aber tauchte vor mir plötzlich ein etwa 15 Zentimeter tiefer Graben auf. Etwa zwei Meter breit, saubere Kanten. Scheinbar werden dort neue Leitungen verlegt. In Deutschland würde man vielleicht einen Zaun darum ziehen oder zumindest die Menschen mit Flatterband vorwarnen. Hier geht man davon aus, dass man auf seine Füße achtet. Jeder der tausenden Menschen, die dort täglich umsteigen.

Was ja auch stimmt. Die Bürgersteige und Treppen haben keine einheitlichen Stufenhöhen, auf der Straße ist an vielen Stellen der Teer aufgerissen oder weggespült. 90 Grad Winkel scheinen in diesem Land unbekannt zu sein. Stellt man einen Tisch an die Wand, muss man trotzdem aufpassen, dass hinten nicht die Stifte herunterkullern, weil entweder der Tisch oder die Wand oder beides schief gebaut sind.

Mir ist erst vor kurzem klar geworden, wie wichtig mir solche Kleinigkeiten sind, als ich im Starbuck’s saß. Freunde von mir wissen, dass ich unter normalen Umständen nie in einen Starbuck’s gehen würde – als nicht-Kaffeetrinkerin keine große Überraschung. Aber die haben dort kostenloses W-Lan-Internet und meine Mitbewohnerin liebt den Milch-Tee dort, also haben wir einen Abend amerikanisch verbracht. Hätte Starbuck’s Zimmer zur Miete angeboten, ich hätte ernsthaft darüber nachgedacht, dort eine Nacht zu verbringen. So gemütlich und sauber! Und es gibt Platz zwischen den Tischen, so dass man sich nicht um seinen Nachbarn herumdrücken muss…und die Toiletten sind ein Traum! Ich bin doch schnicksiger als ich gedacht hatte. Auch eine Erkenntnis, die mich ohne dieses Auslandssemester nicht getroffen hätte.

Zurück zu den Löchern in der Straße: Es fallen doch manchmal Menschen hinein. Einen türkischen Bekannten, der jeden Tag mit seiner Vespa zur Uni fährt, hat es eines erwischt. Er fuhr – glücklicherweise recht langsam - die Straße herunter und „freute sich über den Ausblick auf den Bosporus“, wie er erzählte, als sein Vorderreifen in einem Abflussloch stecken blieb. Der Regen hatte einen Gullideckel mitgenommen. Drei Leute haben ihm geholfen, seine Vespa aus dem Loch zu befreien. „Wir haben dann die Leute hinter uns gewarnt, dass sie um den Abfluss herumfahren sollen“, meinte er. „Aber dann bin ich weitergefahren.“ In Deutschland hätte man vielleicht der Polizei bescheid gesagt. Oder ein Warndreieck aufgestellt. Oder ein Flatterband gezogen. Aber hier achtet ja jeder auf den Weg…